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15.12.2011 Führerlos zum Führerstaat Die
revolutionäre Parole des „leaderless
resistance“ hat eine mörderische rechtsradikale
Geschichte Zwischen der "Wall
Street in New York und der Seitenstraße Am Schafrain im
Eisenacher Stadtteil Stregda liegen genau 6273 Kilometer Luftlinie.
Auch sonst sind das Zentrum des weltweiten Kapitalismus und das
Neubaugebiet mit Blick auf die Wartburg weit voneinander entfernt -
einmal davon abgesehen, dass gerade an beiden Orten
Camping-Ausrüstung eine schlagzeilenträchtige Rolle
spielte. Nahe der Wall Street hatten die Kapitalkritiker der
Occupy-Bewegung ihre Zelte aufgeschlagen. In Eisenach fand die
Thüringer Polizei ein Wohnmobil und darin die Leichen von Uwe
Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die beiden hatten, wie sich
herausstellte, den Kern einer neonazistischen Terrorzelle gebildet. Beide
Ereignisse haben nichts miteinander zu tun. Aber ein Begriff verbindet
sie doch: leaderless resistance. Als Bewegung des
„führerlosen Widerstands“ bezeichnen sich
die Leute des amerikanischen Occupy-Wall-Street-Netzwerks selber. Damit
wollen sie ausdrücken, dass „echte Menschen echte
Veränderung von unten her“ bewirken wollen, ohne auf
die Anleitung durch politische Führer angewiesen zu sein.
Leaderless resistance steht hier für eine im Anspruch
weitgehend hierarchiefreie, mir lose organisierte Graswurzel-Bewegung,
die vor allem der Unmut gegen die Auswüchse des
Börsen-Kapitalismus und der gemeinsame Wunsch nach einer
gerechteren Weltordnung eint - und der sich jeder, der protestierend
auf die Straßen und Plätze New Yorks, Kairos,
Athens, Madrids oder Frankfurts geht, zugehörig
fühlen darf. Doch der Begriff hat eine
düstere, sehr blutige Seite. Leaderless resistance bezeichnet
nämlich auch eine Form des Terrorismus, die zunehmend an
Bedeutung gewinnt - ob als leaderless jihad islamistischer Terroristen
der zweiten Generation nach Al-Qaida oder als Terror-Strategie
rechtsextremer Gewalttäter. Vieles spricht dafür,
dass die Serienmörder aus Thüringen sich vom Konzept
des „führerlosen Widerstands“ zu ihren
Terrortaten inspirieren ließen. Denn seine
Karriere hat der Begriff Rechtsaußen gemacht. Es waren
Rassisten und Neonazis, die das ursprünglich im Kalten Krieg
von einem amerikanischen Geheimdienstmann geprägte Wortpaar am
begierigsten aufgriffen. Ulius Louis Amoss, im Zweiten Weltkrieg hoher
Offizier im Geheimdienst OSS, hatte 1953 ein Analysepapier mit dem
Titel „Leaderless Resistance“ verfasst. Darin
setzte er sich mit der Wirkungslosigkeit antikommunistischer
Widerstandsgruppen im Ostblock auseinander, die sich all zu leicht von
sowjetischen Sicherheitskräften infiltrieren und zerschlagen
ließen. Hierarchisch organisierte Untergrundzellen
traditioneller Art seien zu verwundbar, folgerte Amoss: „Wir
brauchen keine Führer, wir brauchen führende Ideen.
Diese Ideen schaffen Führer“ und kleine,
völlig unabhängig voneinander operierende
Widerstandsgrüppchen, die Amoss
„Phantomzellen“ nannte. Amoss,
erzkonservativer Antikommunist, aber sicher kein rechtsextremer
Umstürzler, starb 1961. Aber sein Konzept regt bis heute die
Aufstands-Phantasien in jenen ultrarechten Kreisen Amerikas an, die
schon die pure Existenz des Staates als quasi kommunistische Bedrohung
betrachten. 1983 kramte Louis Beam das obskure Papier wieder hervor und
formulierte daraus eine Strategie für den bewaffneten Kampf
gegen die von den weißen Rassisten als
„zionistische Besatzer“ geschmähte
Bundesregierung in Washington. Jedes einzelne Mitglied der Bewegung
trage hier die Verantwortung dafür, im rechten
Moment-'Zuschlägen zu können: „Diese der
Sache der Freiheit wahrhaft verpflichteten Idealisten werden handeln,
wenn die Zeit reif ist“ - nicht geführt durch eine
Organisation, sondern allein verbunden durch ein loses Netzwerk aus
unabhängigen Zeitungen, Flugblättern und Computern.
Als „ Großdrache“ des rassistischen Ku
Klux Klan bildete Beam paramilitärische Kämpfer
für Guerilla-Aktionen aus. Als Wortführer des
Rassisten-Bundes Aryan Nations begann er, im Internet die ersten
rechtsextremen Hass-Plattformen aufzubauen, und
veröffentlichte Pamphlete, die keinen Zweifel an seiner
mörderischen Gesinnung ließen - mit Titeln wie:
„Warum wir die Bastarde töten
müssen“. Andere amerikanische
Rechtsextremisten radikalisierten Beams Terrorstrategie noch. Tom
Metzger, Gründer des neonazistischen Trupps White Aryan
Resistance, und der Rassist Alex-Curtis-rieten ihren Anhänger,
als „einsame Wölfe“ Gewalttaten zu
begehen, um der Entdeckung durch verdeckte Ermittler zu entgehen. Den
Hasspredigten folgten An-schläge: 1995 sprengte der
Rechtsextremist Timothy McVeigh ein Amtsgebäude in Oklahoma
City in die Luft, 168 Menschen starben. McVeigh hatte
Mittäter, aber tiefere terroristische Strukturen konnten die
Ermittler nicht nachweisen. Es war der schlimmste
Terroranschlag in der US-Geschichte bis zum 11. September 2001. Aber
auch Untersuchungen des islamistischen Terrors stießen bald
auf Phänomene, die dem Konzept des leaderless resistance sehr
ähnlich sahen. Die 9/11-Attentäter ließen
sich zwar noch einer traditionell geordneten Terrortruppe zuordnen: der
vom Emir - auf Deutsch: Befehlshaber - Osama bin Laden bis hinunter zum
einzelnen Terrorkämpfer nahezu armeeähnlich
strukturierten Al-Qaida. Die vier jungen Muslime aus dem
mittelenglischen Leeds dagegen, deren Bomben 2005 in London 52 Menschen
töteten, hatten sich unabhängig radikalisiert. Um sie
zur Mordtat zu treiben, genügte jenes Grundrauschen, das
Hasspredigten, Hasswebseiten und andere islamistische Netzwerke vor
allem im virtuellen Raum verbreiten. Die vier Freunde bildeten eine
jener „Phantomzellen“, von denen Amoss raunte. Der
Ex-CIA-Mann Marc Sageman hat das Schlagwort vom leaderless jihad
geprägt, um terroristische Gefahren zu erklären,
denen sich westliche Regierungen heute zu stellen haben: einem Heiligen
Krieg, zu dem sich einzelne Radikale Ideologie und Knowhow per
Mausclick aus dem Internet holen. Tatsächlich scheinen
Attentate auch hierzulande die zunehmende Bedrohung durch solche sich
selbst radikalisierende Täter zu belegen: Der junge
Kosovo-Albaner Arid U., der im März zwei US-Soldaten auf dem
Frankfurter Flughafen erschoss, war wohl ein solcher
Einzeltäter. Diese Entwicklung beunruhigt
die Sicherheitsbehörden - allerdings seltsamerweise bisher
nur, wenn die Terroristen aus der islamistischen Szene kommen. Nach
Anschlägen von Rechtsextremisten diente die These vom
verirrten Einzeltäter allzu oft der Beruhigung des Publikums.
Das war schon der Fall, als die Bombe des Neonazis Gundolf
Köhler 1980 auf dem Oktoberfest 13 Menschen zerriss.
Köhler war eben nicht allein: 1982 richtet der Rechtsextremist
Helmut Oxner in der Nürnberger Innenstadt seine Waffe gezielt
auf Ausländer und tötet drei Menschen. Der Berliner
Neonazi Kay Diesner verletzt 1997 einen linken Buchhändler
schwer und ermordet auf der Flucht einen Polizisten. Der Dortmunder
Neonazi Michael Berger erschießt im Jahr 2000 drei
Polizisten. Asylbewerberheime und Häuser von Migrantenfamilien
werden angezündet. Obdachlose und Punker erschlagen. Dieser
Terror muss nach dem Konzept des leaderless resistance nicht geplant
sein. Und es ist sehr fraglich, ob jeder rechtsextremistische
Schläger je davon gehört hat. Aber in der Szene der
Neonazi-Kameradschaften, aus der die Thüringer
Serienmörder stammen, kursiert es schon lange. Das Field
Manual des europäischen Nazi-Netzwerks Blood & Honour
setzt sich seitenweise mit Terror-Aktionen auseinander und kommt zu dem
Schluss: In einigen Länder sei leaderless resistance
„hoch empfehlenswert“, in anderen - „wie
Deutschland“ - sogar „ein Muss für den
eingefleischten Nationalsozialisten“. Im
Umfeld von Blood & Honour bildete sich 1992 ein weiteres
Netzwerk, das seine gewalttätige Militanz bereits im Namen
propagierte: Combat 18 - die 18 steht natürlich für
die Lettern A wie Adolf und H wie Hitler. „C 18 muss als der
bewaffnete Arm der Bewegung agieren“, heißt es in
einem Blood & Honour-Handbuch. Das ist nicht bloßes
Säbelrasseln: 2003 zerschlug die Polizei in Schleswig-Holstein
eine Gruppe, die sich „Combat 18 Pinneberg“ nannte.
Bei Durchsuchungen wurden auch Waffen gefunden, doch die Köpfe
der Bande kamen mit Bewährungsstrafen davon. In
Deutschland ist Blood & Honour seit 2000 verboten. Doch
verbieten ließen sich per Verfügung nur die
„deutsche Division“ des Netzwerks, nicht die
Verbindungen, die führende Figuren der Szene weiterhin pflegen
- vor allem in den so genannten Freien Netzen. Von hier aus
führen die Spuren ins unmittelbare Umfeld der
Thüringer Terrorzelle: zu Ralf Wohlleben, derzeit unter dem
Verdacht in Haft, die Terroristen unterstützt zu haben. Der
Neonazi und ehemalige NPD- Landesvize aus Jena hatte engste Kontakte
zur Szene um Blood & Honour. Von 2005 bis 2009 organisierte er
das „Fest der Völker“, dort traten Bands
und Redner aus ganz Europa auf, die dem Blut-und-Ehre-Netzwerk
zuzurechnen sind. Noch ist nicht ermittelt, wie viele Mitglieder, wie
viele Helfer und welche Strukturen die Thüringer Zelle hatte.
Doch die Vermutung liegt nahe, dass einem wie Wohlleben das Konzept des
leaderless resistance nicht fremd ist. Mit „Leaderless
resistance, fight for Combat 18“, ruft die Neonazi-Band
Frontsturm zu bewaffneter Gewalt auf, „für den Kampf
ums Reich.“ Es klingt paradox und erweist sich doch als
mörderisch: führerloser Terror für den
Führerstaat. JAN BIELICKI Süddeutsche Zeitung vom
3./4.12.2011 ©
Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher
Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung
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